deutsche perspektiven
seit über 100 jahren.


Copyright by symlynX.


Reproduction of up to 777 bytes is authorized, provided the source is acknowledged, save where otherwise stated.

About us / Impressum


Follow us on Facebook or Twitter for new stories.

german.pages.de

Italien: Risse im Fundament



Italiens Zerfall beschleunigt sich. Dass das Schuldenproblem viel ernster ist, als zunächst gedacht, zeigt sich nun. Während die zweitgrösste Tageszeitung Corriere della Sera die harten Forderungen der Europäischen Zentralbank an Premier Berlusconi veröffentlicht und ihn damit zum Schulbuben degradiert hat, zeigen die neuen Sparmassnahmen erste Wirkung. Allerdings eine andere Wirkung als erwartet.

Schon die Ankűndigung der Sparmassnahmen liess die Investitionslust abstűrzen und den privaten Verbrauch stagnieren. Als Ergebnis ging das bisschen Wachstum der letzten Quartale nun auch noch verloren und Italien muss mit Rezession rechnen.

Wie in Griechenland sorgt das fűr eine Schrumpfung der Steuereinnahmen bei starker Steigerung der Staatsquote am gesamten Einkommen. Noch dűrfte die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 21 Prozent den Rűckgang der anderen Steuern ausgleichen, aber nur kurzfristig.

Ein Wirtschaftssektor freilich erwartet krisenbedingt Boomzeiten: Wetten und Glűcksspiele. Der staatliche Konzern Lottomatica am Testaccio in Rom glänzt ebenso wie seine privaten Nachbarn. Fussballtoto, Enalotto und Wetten sind die Wachstumsträger der Zukunft.

Wie űberlistet und űberlebt man die Krise, fragen sich viele Italiener. Ein Blogger in der Emilia-Romagna weiss ein Rezept. Die dortigen Banken, berichtet er, lagern tonnenweise Parmesankäse ein, der fűr Wertbeständigkeit bekannt ist. „Wenn die Krise kommt, werden wir halt monatelang Nudeln mit Käse essen,“ meint der Beobachter stoisch. Ob die Tresorknacker so erfreut sein werden, ist fraglich. Alles Käse, werden sie feststellen.

Weniger lustig freilich sind die Risse im Fundament Italiens, die sich immer deutlicher zeigen. In einer Rede ausgerechnet in Neapel hat Staatspräsident Giorgio Napolitano den Nordlichtern von der separatistischen Lega Nord knallhart gesagt, dass es den Begriff Padania fűr Norditalien garnicht gibt, dass er in der Geschichte nicht vorkommt. Nicht nur das: er empfahl ihnen, die Verfassung Italiens zu lesen, die fűr Sezessionisten Gefängnis vorsieht und zitierte den Fall eines Sizilianers, der einst mit Hilfe Ghaddafis die grosse Insel von Italien abtrennen wollte.

Die Neapolitaner haben begreiflicherweise applaudiert, die Lega Nord reagierte mit einem Wutausbruch. Dass der Staatspräsident dem Lega-Chef Umberto Bossi und seinen Gefolgsleuten mit Kittchen droht, ist kein Scherz. Da sie zehn Jahre lang Partner von Regierungskoalitionen Silvio Berlusconis in Rom sind, fűhlen sich die Lega-Minister als űber dem Gesetz stehend. Sie meinen, sie könnten gleichzeitig Italien regieren und es zerteilen.

Der wackere Greis Napolitano zűndelt nicht zum Spass. Vielmehr versteht er als seine verfassungsmässige Pflicht, fűr die Einheit des Landes zu kämpfen: bisher als Einziger. Premier Berlusconi hat andere Sorgen als den Fortbestand Italiens; er traut sich nicht, seinen Koalitionspartner Bossi an die Kandare zu nehmen, denn er weiss, dass die mächtige Wirtschaft des Nordens zunehmend zornig ist und Bossi unterstűtzen könnte.

Der italienische Industrieverband Confindustria erweist sich als die einzige Institution im Lande, die klare Vorstellungen und ein schlűssiges Konzept gegen die Krise hat. Während Regierung, Opposition und Gewerkschaften herumeiern, zeigt Confindustria einen vernűnftigen Weg zur Modernisierung und Verschlankung Italiens. Doch die Ultimaten an die Politiker in Rom verstreichen, während die Zinsen fűr neue Staatsanleihen steigen und die Verschuldung noch zunimmt: ein Griechenland auf kleiner Flamme.

Griechenland ist wenigstens nicht von Teilung bedroht. Den Sűditalienern sind seit gestern die Witze űber Padania vergangen. Dafűr hat Präsident Napolitano gesorgt.

Tweet this
Digg this
Flattr this
Stumble upon this
Make this delicious
Share this on Facebook



—— Benedikt Brenner

Update

Manche Nordlichter sind offenbar unzufrieden mit dem Schneckentempo der Sezession, den seit 15 Jahren wiederholten Ankűdigungen. Eine neue Gruppierung Pro Lombardia in Brescia will zwar die Sezession, doch ohne die Lega. Im von der Lega regierten Bergamo haben Enttäuschte eine Lega Padana gegrűndet, wie La Repubblica meldet.